Codices Electronici Sangallenses (CESG)
Die Stiftsbibliothek Sankt Gallen gehört mit ihren 2100 Handschriften zu den ältesten und bedeutendsten Handschriftenbibliotheken der Welt. Die Hälfte der Codices stammt aus dem Mittelalter, und davon wurden rund 400 Bände in der Zeit vor dem Jahr Tausend geschrieben. Der Stiftsbezirk St. Gallen wurde im Jahr 1983 von der UNESCO in den Rang eines Weltkulturerbes erhoben. Ziel des Projektes "Codices Electronici Sangallenses" (Digitale Stiftsbibliothek St. Gallen) ist es, die mittelalterlichen und eine Auswahl von frühneuzeitlichen Handschriften der Stiftsbibliothek St. Gallen durch eine virtuelle Bibliothek zu erschliessen.
CESG auf www.e-codices.unifr.ch
CESG ist heute Bestandteil des Nachfolgeprojekts e-codices - Virtuelle Handschriftenbibliothek der Schweiz. Ziel von e-codices ist es, alle mittelalterlichen Handschriften und eine Auswahl der frühneuzeitlichen Handschriften der Schweiz durch eine virtuelle Bibliothek zu erschliessen. Die Entstehungsgeschichte von CESG und e-codices wurde im Artikel „Praktische Internet-Ausgabe und Aura des Originals“ beschrieben.
Inhalt
- Kurze Geschichte der Stiftsbibliothek St. Gallen im Überblick
- Abgeschlossene Teilprojekte
- Wissenschaftliche Beschreibungen und Metadaten
- Konservatorische Richtlinien
- Weitere Informationen
Kurze Geschichte der Stiftsbibliothek St. Gallen im Überblick
Die Stiftsbibliothek zeichnet sich durch eine über 1200-jährige Kontinuität aus. Sie ist die einzige am ursprünglichen Ort erhalten gebliebene grosse Klosterbibliothek des Mittelalters. Ihre Anfänge reichen bis ins 8. Jahrhundert zurück. Aus der kulturellen Blütezeit der Abtei vom 9. bis 11. Jahrhundert sind mehrere hundert Handschriften erhalten. Unter den Äbten Ulrich Rösch und Franz Gaisberg blühte im 15./16. Jahrhundert die Buchkunst wieder auf und es wurden Büchersammlungen verschiedener Gelehrter erworben. Einen letzten bedeutenden Zuwachs an mittelalterlichen Handschriften erfuhr die Bibliothek unter dem zweitletzten Fürstabt Beda Angehrn (1767-1796). Nach der Aufhebung des Gallusklosters im Jahre 1805 konnte die Bibliothek am gleichen Ort bewahrt werden. Ihre Trägerschaft bildet seither der Katholische Konfessionsteil des Kantons St. Gallen, die kantonale öffentlich-rechtliche Körperschaft der St. Galler Katholiken. Der Stiftsbezirk und die Stiftsbibliothek wurden im Jahr 1983 von der UNESCO in den Rang eines Weltkulturerbes erhoben. Heute ist die Stiftsbibliothek einerseits eine öffentliche Studienbibliothek, die von Forschenden aus der ganzen Welt aufgesucht wird, andererseits ein viel besuchtes Museum mit dem weltberühmten barocken Bibliothekssaal.
Abgeschlossene Teilprojekte
Virtual Abbey Library of Saint Gall
Bis Ende 2009 wurden über 300 Handschriften der Stiftsbibliothek St. Gallen, die vor dem Jahr 1000 geschrieben wurden, auf e-codices erschlossen. Auch wurde die Webapplikation weiterentwickelt, womit für die Nutzer ein schnellerer und einfacherer Zugriff auf die Webdatenbank ermöglicht wurde. Dieses Teilprojekt wurde von der Andrew W. Mellon Foundation (New York) unterstützt.
Codices Augienses et Sangallenses dispersi
Handschriften mittelalterlicher Bibliotheken befinden sich häufig nicht mehr am Ursprungsort. Dies trifft auch auf die Handschriften von St. Gallen und vor allem auf die Handschriften der Reichenau zu. Mittels einer virtuellen Handschriftenbibliothek können verstreute Sammlungen aber wieder virtuell zusammengeführt werden. Im Rahmen dieses Teilprojekts wurden bis Ende 2009 insgesamt 40 Handschriften aus den ehemaligen Klöstern St. Gallen und Reichenau, die heute in verschiedenen schweizerischen Sammlungen aufbewahrt werden, virtuell zusammengeführt. Das Teilprojekt wurde von der Mellon Foundation (New York) unterstützt.
St. Galler Kulturgüter aus Zürich
Im Toggenburgerkrieg von 1712, dem letzten Konfessionskrieg der Alten Eidgenossenschaft, unterlag der Fürstabt von St. Gallen den Orten Zürich und Bern. Die Sieger führten nach ihrem Einmarsch in das Kloster St. Gallen die Bibliothek und weitere Kulturgüter weg und teilten sie untereinander auf. Nach dem Friedensschluss von 1718 wurde ein Teil der Güter wieder zurückgegeben, doch eine Anzahl wertvoller Handschriften verblieb in Zürich. Der deswegen entstandene, einmal stärker, einmal weniger stark schwelende "Kulturgüterstreit" zwischen St. Gallen und Zürich konnte nach fast dreihundert Jahren im Frühling 2006 beigelegt werden. Die Kompromisslösung enthielt unter anderem für den Kanton St. Gallen die Auflage, die als Dauerleihgabe an die Stiftsbibliothek zurückgegeben Handschriften bis Ende 2007 zu digitalisieren und auf dem Internet bereitzustellen. Diese Digitalisierung wurde unterstützt vom Katholischen Kantonsteil St. Gallen und dem Amt für Kultur St. Gallen.
St. Galler Schatzkammer althochdeutscher Sprachdenkmäler
Die Stiftsbibliothek St. Gallen wird von Germanisten gerne als "Schatzkammer althochdeutscher Sprachdenkmäler" bezeichnet. Sowohl qualitativ als auch quantitativ ist nirgendwo sonst eine derart grosse Zahl bedeutender Zeugnisse der deutschen Sprache überliefert. Dank der Unterstützung des "Freundeskreises der Stiftsbibliothek" konnten 2006 dreizehn bedeutende althochdeutsche Handschriften digitalisiert werden: Codd. Sang. 21 (Althochdeutscher Psalter Notkers des Deutschen), 56 (Evangelienharmonie des Tatian), 232, 242, 556, 643, 825 (Althochdeutsche Übersetzung und Kommentierung von 'De consolatione philosophiae' des Boethius durch Notker den Deutschen), 872 (Übersetzung und Kommentierung desselben von 'De nuptiis Philologiae et Mercurii' des Martianus Capella), 904 (irische Priscian-Handschrift), 911 (Abrogans), 913, 916 (Regula S. Benedicti), 966.
Pilotprojekt: Digitale Stiftsbibliothek St. Gallen
Im Rahmen des Pilotprojektes wurden 130 mittelalterliche Handschriften der Stiftsbibliothek St. Gallen digitalisiert (Laufzeit: Januar 2005 bis Dezember 2006). Das Startprojekt wurde ermöglicht durch die Unterstützung folgender Stiftungen: Paul Schiller Stiftung, UBS Kulturstiftung, Ernst Göhner Stiftung, Otto Gamma Stiftung, Jubiläumsstiftung der Schweizerischen Mobiliar Genossenschaft, Stiftung des Forschungsfonds der Universität Freiburg, Jubiläumsstiftung der Zürich Versicherungs-Gruppe sowie des Freundeskreises der Stiftsbibliothek St. Gallen.
Wissenschaftliche Beschreibungen und Metadaten
Vor drei Jahrzehnten, noch lange vor dem elektronischen und digitalen Zeitalter, begann die Stiftsbibliothek, einen neuen beschreibenden Katalog aller mittelalterlichen Handschriften zu erarbeiten. Bis dahin gab es für den gesamten Bestand nur ein gedrucktes Verzeichnis aus dem Jahr 1875, den Katalog von Gustav Scherrer mit der Beschreibung der Codices 1-1725, der mit seiner rudimentären Erschliessung den heutigen Anforderungen nicht mehr genügt.
Die Neukatalogisierung nach den Richtlinien der "Deutschen Forschungsgemeinschaft" (DFG) wurde vor circa drei Jahrzehnten in Angriff genommen. Das Ergebnis dieser Katalogisierungsbemühungen besteht in etwa 480 neu erschlossenen Handschriften, die kodikologisch (buchkundlich) und paläographisch (handschriftenkundlich) untersucht und deren Inhalt und Buchschmuck beschrieben worden sind. Davon gehören etwa 230 zum mittelalterlichen Bestand. Noch ist ein weiter Weg zu beschreiten, bis das Ziel erreicht und wenigstens alle mittelalterlichen Handschriften erfasst sind.
Literatur: (siehe auch www.codices.ch)
- Gustav Scherrer, Verzeichniss der Handschriften der Stiftsbibliothek St. Gallen, Halle 1875
- Beat Matthias von Scarpatetti, Die Handschriften der Stiftsbibliothek St. Gallen. Beschreibendes Verzeichnis, Codices 1726-1984, St. Gallen 1983
- Beat Matthias von Scarpatetti, Die Handschriften der Stiftsbibliothek St. Gallen, Bd. 1: Abt. IV: Codices 547-669: Hagiographica, Historica, Geographica, 8.-18. Jahrhundert, Wiesbaden 2003
- Anton von Euw. Die St. Galler Buchkunst vom 8. bis zum Ende des 11. Jahrhunderts. (= Monasterium Sancti Galli, Bd. 3), 2 Bde.; Band I: Textband, Band II: Tafelband, St. Gallen 2008
- Beat Matthias von Scarpatetti, Die Handschriften der Stiftsbibliothek St. Gallen, Band 2, Abt. III/2: Codices 450-546. Liturgica, Libri precum, Deutsche Gebetbücher, Spiritualia, Musikhandschriften, 9.-16. Jahrhundert, Wiesbaden 2008
Wissenschaftliche Handschriftenbeschreibungen im XML Format nach TEI-P5
Als Metadaten zu den digitalisierten Handschriften werden wissenschaftliche Handschriftenbeschreibungen in ein spezielles XML Format konvertiert. Dieses XML Format entspricht den von der Text Encoding Initiative aufgestellten Richtlinien für die elektronische Erfassung von Handschriftenbeschreibungen (TEI-P5).
Dabei handelt es sich um einen internationalen Standard, so dass ein Austausch der Metadaten mit anderen (Digitalisierungs-) Projekten, Metasuchmaschinen oder Portalseiten möglich wird. Die Strukturierung der Metadaten nach dem TEI-P5 Standard ermöglicht des Weiteren eine Auswertung der Metadaten nach einzelnen Feldern oder Substrukturen, so dass durch geeignete Software eine gezielte Suche nach Autoren, Werktiteln, Incipit, Buchschmuck usw. durchgeführt werden kann (zu den verschiedenen Browse- und Suchmöglichkeiten innerhalb von e-codices siehe Neue Webanwendung).
Die Verwendung von XML garantiert darüber hinaus eine langfristige Verwendbarkeit der Metadaten, unabhängig von der zu einem bestimmten Zeitpunkt eingesetzten Software.
Anzeige der Metadaten innerhalb von e-codices
Zu jeder digitalisierten Handschrift kann die jeweils aktuellste wissenschaftliche Handschriftenbeschreibung angezeigt werden. Die Darstellung auf der Webseite von e-codices folgt, soweit dies möglich ist, weitestgehend der Darstellung der gedruckten Beschreibung. Zusätzlich kann zu jeder Handschriftenbeschreibung die jeweilige Datei im XML Format nach TEI-P5 angezeigt werden und, sofern vorhanden und vom Verlag genehmigt, eine PDF Datei der gedruckten Beschreibung.
Auswahl der Beschreibungen
Eine wissenschaftliche Handschriftenbeschreibung wird von der jeweiligen Bibliothek als „Standardbeschreibung“ ausgewählt. Andere, d.h. ältere oder fachspezifische Beschreibungen werden als „zusätzliche Beschreibungen“ angezeigt. e-codices versucht langfristig gesehen, alle gedruckten und event. auch ungedruckten Beschreibungen zu erfassen. In zunehmendem Masse werden auch neue wissenschaftliche Handschriftenbeschreibungen für e-codices erstellt:
http://www.e-codices.unifr.ch/de/info/metadata
Konservatorische Richtlinien
Während der Digitalisierung der Handschriften sollten sämtliche Belastungen des Objekts auf jenes Mass beschränkt bleiben, das deutlich unter einer durchschnittlichen Benützung der Handschrift z.B. im Lesesaal oder während einer Ausstellung liegt. Der von Dipl. Ing. Manfred Mayer entwickelte Kameratisch ("Grazer Modell") setzt dabei neue Massstäbe.
Die Digitalisierung am Objekt folgt klar definierten Kriterien:
- Minimale Manipulation an der Handschrift selbst mit Ausnahme des schonend zu erfolgenden Umblätterns, also kein Hin- und Herschieben, Drehen oder Wenden des Objektes
- Der Öffnungswinkel des Buchblocks bzw. der Buchdeckel darf in keinem Fall 140° überschreiten
- Keine mechanische Belastung der Blätter durch Plandrücken z.B. mit einer aufgelegten Glasplatte u.ä.
- Lichtbelastung höchstens gleich wie bei Ausstellungen, also UV-freies Licht, möglichst geringe Beleuchtung
- Raumklima während eines Aufenthalts der Handschrift von höchstens acht Stunden: Temperatur 18 bis 25° C, rel. Luftfeuchtigkeit 40-60%
Digital hochwertige Farbaufnahmen ergänzen nicht nur die bisherige Schwarz-Weiss-Mikroverfilmung, sondern ihr Informationsgehalt geht weit darüber hinaus. Dadurch sinkt die Notwendigkeit, die kostbaren Originale zu benützen; diese werden folglich langfristig geschont.
Weitere Informationen
Auf der Website von e-codices finden Sie weitere Informationen zu folgenden Themen:
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